Geschichte von Oberhaugstett

Ergänzend zur Chronik einige Hintergründe zur Geschichte von Haugstetten bzw. Oberhaugstett – von der Türkensteuer 1545 über Kriege, Hungerjahre und Auswanderung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Türkensteuerliste 1545

Um Truppen gegen die das Deutsche Reich angreifenden Türken aufstellen und unterhalten zu können, sollten alle württembergischen Untertanen eine Abgabe leisten. Die Liste ist für Neubulach und Umgebung erhalten und erlaubt Rückschlüsse auf Einwohnerzahl und Vermögen. Die Erkenntnis: Oberhaugstett war ein sehr armes Dorf! Vermutlich waren die meisten Einwohner leibeigen.

Durchschnittsvermögen 1545Gulden
in Württemberg233
in der Stadt Neubulach148
in Oberhaugstett77

Dazu trug auch die in Altwürttemberg übliche Realteilung bei: Der Besitz wurde unter mehreren Kindern aufgeteilt, was zu kleinen, unrentablen Parzellen und einer Zersplitterung der Flur führte. Die Folge war oft die Notwendigkeit von Zusatzverdiensten (Heimarbeit, Handwerk, Arbeit als Taglöhner).

Quelle: „Neubulach im Silberglanz“

Krisen

Schwer traf die Gegend der Dreißigjährige Krieg, besonders nach der Schlacht von Nördlingen 1634: Bayerische Soldaten zerstörten Calw, plünderten Neubulach und die umliegenden Dörfer und erpressten Kontributionen. Für Altbulach zum Beispiel sind 200 Hungertote verbürgt. 1635 brach zudem die Pest aus – die Einwohnerzahl in der Neubulacher Gegend sank um die Hälfte.

1688 zerstörten französische Truppen Calw und das Kloster Hirsau. 1796 standen französische Revolutionstruppen erneut in der Calwer Gegend.

Eine „Heimatkunde vom Oberamt Calw“ beschreibt die Jahre ab 1790 als Krisenzeit: Teuerung aufgrund von Missernten, Hungersnot, Viehseuche, die Napoleonischen Kriege und schließlich die Hungerjahre 1816/1817, als ein Vulkanausbruch im fernen Indonesien Europa ein „Jahr ohne Sommer“ bescherte.

Auswanderung

Dem Ortssippenbuch (S. 26–36) kann man entnehmen, dass 1817 gut 50 Einwohner das Kirchspiel in Richtung Osteuropa verließen, häufig nach Bessarabien, einem weitgehend unbesiedelten Gebiet, das seit 1812 zu Russland gehörte. Zar Alexander, der mit dem württembergischen König Friedrich I. verwandt war, versuchte gezielt, deutsche Kolonisten anzulocken. Bis 1842 wurden dort 25 Kolonien von deutschen Auswanderern gegründet, es gab 150 deutsche Gemeinden.

Dies spiegelt sich auch in der Haugstetter Geschichte wider – 1816 war für das Dorf ein Hungerjahr:

„Regengüsse und früher Schneefall vernichteten die Ernte. Damals suchten die Auswanderer ihr Heil im Osten (Südrussland bis Kaukasus). Aus ganz Württemberg verließen 16 000 Menschen das Land …“

Heimatgeschichte Neubulach, S. 71

Russland-Auswanderer aus Oberhaugstett (1814–1817)

JahrNameZiel
1814Braun, Jakob–
1817Kircher, Joh. GeorgBorodino / Bessarabien
1817Sackmann, FriedrichKatharinenfeld / Kaukasus
1817Sackmann, Joh. GeorgKatharinenfeld / Kaukasus
1817Stepper, Jakob Fr.Katharinenfeld / Kaukasus
1817Stepper, Johann Fried.Hoffnungstal / Bessarabien
1817Teibel, FranzHoffnungstal / Bessarabien

Ab 1846 kam es erneut zu Hungerjahren, verursacht vor allem durch die wachsende Bevölkerung, die Kartoffelkrankheit und die Auswirkungen der einsetzenden Industriellen Revolution. Die württembergische Regierung musste 1846 und 1847 jeweils große Mengen Getreide für das Oberamt Calw aus den USA importieren, um die ärgste Not zu lindern. Die Auswanderung aus dem Kirchspiel ging nun ganz überwiegend nach Amerika (siehe Ortssippenbuch, S. 28 ff.). Manche Gemeinden zahlten Auswanderern sogar die Reisekosten nach Amerika (vgl. „Heimatkunde …“, S. 110).

Schule und Kindergarten

1842 wurde in Oberhaugstett das erste Schulhaus gebaut. Für 1874 ist der Jahreslohn des Haugstetter Schulmeisters überliefert: 946 Mark, bestehend aus Geld, Gütern und Nebeneinkünften (Ortssippenbuch, S. 16 f.).

„Zumindest 1967, als ich eingeschult wurde, gab es noch die ‚Zwergschule‘: In einem Klassenraum oben im Rathaus unterrichtete eine Lehrerin die vier Grundschulklassen, im Erdgeschoss unterrichtete der Oberlehrer (mein Vater) die Achtklässler des Kirchspiels.“

Oberhalb des Rathauses lag der Kindergarten, eingerichtet unter der Ägide des Urgroßvaters des Verfassers dieser Erinnerungen. Fotos der gestrengen Kindertante Frieda finden Sie unter Weitere Bilder.

Der Zweite Weltkrieg und das Kriegsende

Während des Krieges gab es in Oberhaugstett ausländische Zwangsarbeiter.

„In meiner Familie erinnert man sich an Vaclav, einen polnischen Fremdarbeiter, der in einem Lager in der heutigen ‚Sonne‘ untergebracht war.“

Eine Anekdote: Gegen Ende des Krieges sollten Christian Friedrich Stepper und Karl Walz noch eingezogen werden, um Panzersperren zu bauen. Sie versteckten sich aber im Wald von Teinach und kamen nachts heimlich ins Dorf.

Mitte April 1945 erreichten französische Truppen, darunter auch die zum Teil berüchtigten marokkanischen Soldaten, Oberhaugstett. Bürgermeister Stepper wurde von der französischen Besatzungsmacht zunächst seines Amtes enthoben und durch Jakob Hartmann ersetzt, 1948 aber rehabilitiert.

Quellen: „Neubulach im Silberglanz“, Ortssippenbuch des Kirchspiels, Heimatgeschichte Neubulach, „Heimatkunde vom Oberamt Calw“ sowie Erinnerungen eines Zeitzeugen. Weitere Informationen und Ergänzungen gerne über das Kontaktformular.